Altai im Mai 2026


Als ich im Herbst 2025 das Angebot erhielt, mit einer kleinen Gruppe in den Altai zu reisen, war ich sofort begeistert. Ich wollte diese Gegend schon immer irgendwann einmal sehen. Die relativ wenigen Hochgebirgstouren meines Lebens liegen allerdings schon etwas in der Vergangenheit, weshalb ich durchaus mit Respekt bezüglich meiner Fitness in die Reiseplanung ging. Letztere wurde mir nun weitestgehend abgenommen, so dass ich mich einfach überraschen lassen konnte. Notfalls kann man sich die Berge ja auch von unten anschauen.


01.05.2026

Ausgerechnet an Uwes Geburtstag startet meine Reise, und zunächst muss ich auch noch nach Berlin. Ich mag diese Stadt einfach nicht und je weiter sich der Zug ihr nähert, müssen in den ohnehin überfüllten Wagen noch immer mehr ausflugshungrige Fahrgäste mit ihren Rädern hineingequetscht werden. Schließlich bin ich von Fahrrädern hoffnungslos eingebaut und bin froh, als wir den Hauptbahnhof erreichen und ich aussteigen kann. Da ich mich mit ausreichend Zeit versorgt habe, habe ich es eigentlich nicht eilig, zum Flughafen zu kommen. Zwischen Flaschensammlern, vor sich hin brabbelnden oder aggressiv schreienden Leuten auf Drogen findet sich jedoch kein ruhiges Plätzchen weit und breit. Also steige ich in den nächsten Zug zum Flughafen, wo man zwar auch keinen sauberen, aber immerhin einen Platz zum Hinsetzen außerhalb der Halle findet. Nun warte ich auf den Rest des Reiseteams, das von Dresden mit dem Auto anreist.
Am Check Inn Schalter mache ich mich mit den mir bislang noch nicht begegneten zwei Frauen bekannt und so besteht unser sogleich mit einem Sekt begossenen Team nun aus drei Frauen und einem Mann.
Mit Turkish Airlines fliegen wir zunächst nach Istanbul, wo wir am späten Abend landen.


02.05.2026

Wir verbringen die Nacht und den halben Tag auf dem Flughafen. Da wir das gesamte Gepäck bei uns haben und der Check Inn für die sibirische Airline noch auf sich warten lässt, können wir nur so gut es geht auf den ergatterten Sesseln hin und wieder ein Auge zumachen. Sind die Augen offen, kann man das Geschehen ringsum beobachten. Eine Gruppe Pilger versammelt sich neben uns für Abschiedsfotos und Gebete. Die Männer wirken in ihren weißen Handtüchern und Schlappen an den Füßen eher, als wollten sie ins Türkische Bad, als dass sie gleich in ein Flugzeug steigen werden. Während die Männer mit ihren ständig rutschenden Tüchern zu tun haben, die Bäuche einzuhüllen, reisen die Frauen gewohnt bedeckt.
Nach Stunden des Wartens können wir endlich unser Gepäck aufgeben und verbringen die restliche Wartezeit in der iGA Lounge. IGA steht für Istanbul Grand Airport. Hier kann man sich gegen Bezahlung drei Stunden aufhalten und essen und trinken, so viel man in sich hineinstopfen kann.
Mit noch einer Stunde Verspätung starten wir am Nachmittag nach Russland.


03.05.2026

Gegen Mitternacht landen wir in Nowosibirsk, erleben eine völlig entspannte Einreise und werden von Katja, unserer Reiseleiterin bereits erwartet. Ohne Pause geht es nun mit einem Toyota-Van gleich weiter auf die über 800 Kilometer lange Strecke in die Kurai Steppe.
Der junge Fahrer ist nicht zu beneiden, aber zehnstündige Autofahrten sind hier nicht ungewöhnlich. Der Tschuiski trakt, wie die Straße heißt, führt bis zur mongolischen Grenze, ist ein Zubringer zur Seidenstraße in China und eine der schönsten Routen weltweit.
Die Stadt lassen wir also links liegen und fahren nun durch etliche Vororte, passieren gefühlt aller 500 Meter eine Tankstelle, deren Preisangaben uns doch sehr überraschen. Während unsere Spritpreise aktuell die Zwei-Euro-Marke übersprungen haben, gibt es hier den Diesel noch unter einem Euro pro Liter. Die Preise für Benzin liegen sogar noch darunter.
Da ansonsten im Dunkeln ohnehin nicht viel zu erkennen ist, fallen uns allen bald die Augen zu und wir lassen uns durch die Nacht schaukeln.
Die Landschaft ist anfangs noch weit und flach, Felder und Birkenwälder wechseln sich ab und gegen 5 Uhr kündigt sich der Sonnenaufgang in spektakulären Farben an.
Nach 6 Stunden Fahrt erreichen wir die Grenze zur Republik Altai und die Aussichten werden von Kilometer zu Kilometer phantastischer. Wir halten an einem Pass, an dem man die üblichen Verkaufsstände findet. Honig, Schnaps und Süßigkeiten aus der Region, schamanische Andenken und Wollsachen aus der Mongolei. Wir probieren den Zedernkaffee, der nur aus ganzen Zedernkernen, ein wenig Sirup und heißer Milch besteht, also mit Kaffee eigentlich nichts zu tun hat, aber durchaus lecker schmeckt.
Der nächste Halt ist auf einem kleinen Plateau, von dem man zwei Flüsse bei ihrer Vereinigung beobachten kann. Nebenan locken ein paar Stände die wenigen Touristen. Eine der Marktfrauen stellt sich als Mascha vor, spendiert uns Tee, plaudert und singt uns sogar noch ein Lied vor, obwohl wir gar nichts bei ihr kaufen.
Wunderschön anzusehen sind die üppig violett blühenden Hänge voller Maralnik, einer Rhododendronart. Viele Leute kommen extra in dieser Zeit hierher, um diese Blütenpracht zu erleben.
Nach einer Mittagspause besuchen wir einen ganz besonderen Ort. Der Geyzernoye Ozero. Ein Geysir ist es nicht gerade, denn hier schießt kein Wasser nach oben. Aber es sind Thermalquellen, die in dem türkisblauen See hellgraue Kalksteinflecken und Kreise erzeugen, als wären es Augen. Dazu gesellen sich hellgrüne Algen, die das Ganze einrahmen. Und weil dieser Ort schon so märchenhaft daherkommt, haben Bildhauer ringsum verschiedene Tiere, Baba Yaga nebst Hütte und Aljonuschka mit der Ziege Weisschen hinterlassen.
Am Nachmittag erreichen wir Kurai wo wir zwei Bungalows beziehen und uns über eine Dusche freuen. Nach 2 Tagen Reise und 6400 zurückgelegten Kilometern ist das einfach eine Wohltat.
Wir sind mitten in der Steppe, die von schneebedeckten Bergen eingerahmt ist. Dazu scheint die Sonne bei strahlend blauem Himmel. Wir nutzen die letzten Stunden des Tages noch für einen Dorfrundgang, bevor wir den Abend mit Kascha und einer Flasche Rum aus dem Istanbuler Duty Free beenden, während sich der Sternenhimmel über uns ausbreitet.


04.05.2026

Nach dem Frühstück starten wir unsere abenteuerliche Fahrt zum Aktru-Tal. Wir steigen in einen Buchanka, wie der UAZ-Kleinbus liebevoll aufgrund seiner an ein Kastenbrot erinnernden Form genannt wird, und geben uns in die Hände von Rasu, unserem Fahrer.
Schnell lassen wir die letzten Häuser des Dorfes hinter uns und fahren durch die Steppe auf die Berge zu. Die Weiten gehören den Kühen, Ziegen und Pferden sowie den wenigen Menschen, die hier noch traditionell in Jurten leben.
Als wir den Waldrand erreichen, wird die Fahrt robuster. Die Wege sind extrem ausgefahren. Die wenigen Brücken sind zumeist zerfallen, so dass wir durchs Wasser müssen. Es geht wahrlich über Stock und Stein. Die Strecke erfordert absolute Bodenfreiheit, Gelenkigkeit und fahrerisches Können. Der Buchanka und Rasu bilden dazu die perfekte Einheit. Ein paar Spaßvögel haben entlang der Route Verkehrsschilder angebracht, die vor Kurven, Einengungen und Geschwindigkeiten über 160 km/h warnen.
Nach fast drei Stunden Fahrt erreichen wir das Aktru-Tal. Zwei Rostgänse lassen sich von unserem Gefährt nicht stören, das unser Fahrer jetzt zum breiten Flussbett hinunter steuert. Nach all dem Geschaukel fühlt sich die Fahrt auf dem Flussschotter an wie auf der Autobahn. Vor uns warten die hohen Gipfel und dienen uns als Kulisse für einige coole Fotos mit, ohne, neben und auf dem Auto.
Im Camp beziehen wir ein gut geheiztes Zimmer in einer der Holzhütten und in der Kantine wartet bereits das Mittagessen auf uns.
Zur Einstimmung spazieren wir anschließend zum Bergsteigercamp, das ein paar hundert Meter vor unserem Camp auf der anderen Flussseite liegt.
Im gemütlichen Café trinken wir Lemoncellos und im Fernsehen läuft Kandereit – wo sind wir hier nochmal?
Im Camp zurück kocht Katja uns Kaffee und ich schaue bereits mit gemischten Gefühlen zur Bergflanke, die wir morgen hinaufsteigen wollen.
Nach dem Abendessen schwenken wir noch zur Bar auf ein Bier und liegen beizeiten in den Betten.


05.05.2026

Süßen Brei zum Frühstück mag ich ja gar nicht, aber als Grundlage für die bevorstehende Bergtour tut er vielleicht seinen Dienst und irgendetwas muss man ja im Magen haben.
Auf der anderen Seite des Flusses am Bergsteigercamp beginnt unser Aufstieg zum Uchitel-Pass. Steil und unaufhörlich bergauf. Untrainiert wie ich bin, schlaucht es ganz schön, auf etwa 4 Kilometer Gehstrecke einen Höhenunterschied von fast 900 Metern zu bewältigen. Aber das Panorama ist die Mühe wert. Man schaut hinunter in die Steppe, die wir gestern noch durchquert haben, und hat im Rücken die schneebedeckten, noch bis 1000 Meter höheren Gipfel wie Karatasch und Aktru. Das ist der beste Platz für ein Picknick und man könnte hier stundenlang sitzen. Aber auch der schönste Bergrundblick endet zwangsläufig mit dem Abstieg und dieser will auch erst einmal bewältigt werden. Nach ein paar Schneefeldern und Geröll fordert der steile Zickzackpfad meine volle Konzentration, verbunden mit der Hoffnung, dass Knie und Hüften mir das nicht übel nehmen. Umso schöner ist es, wenn man es geschafft hat, und es im Camp sogar ein kühles Bier zur Belohnung seiner selbst gibt.
Beim Abendessen werden die Pläne für den nächsten Tag bekannt gegeben. Wieder wird es hoch hinauf gehen. Vorerst geht es für heute nur noch in die Bar, wo uns bei tschechischem Krusovice und Kartenspiel langsam die Müdigkeit überfällt.


06.05.2026

Heute führt uns unsere Wanderung zum Goluboje Osero, dem Blauen See, der auf 2800 Metern liegt. Gemütlich geht es zunächst am Fluss entlang, vorbei an einer Gedenktafel für die Bergsteiger, die ihren Traum mit dem Leben bezahlt haben. Auch ein Deutscher aus Jena findet sich darunter, er ist gerade einmal 29 Jahre alt geworden.
Das Terrain wechselt und große Steine und Schneefelder bestimmen nun die Landschaft. Anfangs läuft es sich noch ganz gut über den Schnee, aber die intensive Sonneneinstrahlung sorgt schnell dafür, dass man hin und wieder unverhofft tief einsackt. Da wir am Rand es Aktru-Gletschers laufen, ist es nicht ungefährlich, die ausgetretene Spur zu verlassen. Wir passieren einen kleineren See, aber unser Ziel liegt noch einen harten Aufstieg entfernt. Davor gilt es, ein weiteres Schneefeld zu überwinden und zack sitze ich zum wiederholten Male fest, diesmal bis zur Hüfte und der Fuß klemmt im Schnee fest. Mit dem Wanderstock versuche ich, den Fuß freizustochern, während ich merke, wie schnell so ein vom Eis umklammerter Körperteil auskühlt, vor allem, wenn dieser nur in einer dünnen Wanderhose steckt. Auf Knien rutsche ich schließlich aus dem Loch, eine Taktik, die ich noch mehrmals heute benötige.
Nun müssen wir über viel Geröll und lockeres Gestein steil hinauf und es kommen die eigens für diese Passage geliehenen Helme zum Einsatz. Es sind zwar nicht viele Wanderer unterwegs, aber hin und wieder lösen sich auch ohne menschliches Zutun einzelne Steine und finden ihren Weg bergab. Insgesamt ist das Gebirge ziemlich bröckelig und ein wenig Achtsamkeit kann nie schaden. Nach einem letzten Aufstieg liegt nach 4 Stunden Wanderung endlich unser Ziel vor Augen. In einer Senke liegt der türkis schimmernde See noch immer unter einer Eisschicht. Am oberen Rand steht eine kleine Blechhütte der Glaziologen und einige Bergsteiger haben ringsum ihre Zelte aufgeschlagen. Für mehr schöne Fotomotive steigen wir noch ein kleines Stück hinauf und haben nun den majestätischen Aktru direkt im Blick. Am See picknicken wir, bevor wir uns an den Abstieg wagen. Der hat es erwartungsgemäß in sich und kaum haben wir die rutschige Schuttpartie hinter uns, warten schon wieder die nun noch mehr angetauten Schneefelder auf uns. Die schwer beladenen Jungs einer Bergsteigergruppe, die uns entgegen kommt, haben sicher ihre Freude daran.
Rechtzeitig zum Abendessen sind wir zurück im Camp, voll mit den Impressionen dieser phantastischen Bergwelt.


07.05.2026

Wolken ziehen auf, da ist es besser, im Tal zu bleiben. Ich sehe durchaus einige Vorteile darin, auszuschlafen, gemütlich zu frühstücken und den Muskeln ein wenig Ruhe zu gönnen. Ein paar Meter steigen wir dennoch hinauf und besuchen die Zwerge, die zwischen mystischen Bäumen und Wurzeln hausen. Zumindest findet man einiger ihrer von Menschenhand gefertigten Duplikate, die die kleinen Höhleneingänge bewachen. Allerlei mystische Gestalten kann man mit ein bisschen Phantasie entdecken. Daneben auch eine artenreiche Fauna aus Bergkräutern, Wacholder und Flechten in verschiedenen Farben. Auch Badan, oder auch Bergenie, wächst hier und wird aufgrund seiner vielen guten Inhaltsstoffe sehr gern als Tee getrunken. Nimmt man frische Blätter, soll er auch eine berauschende Wirkung haben.
Im Café gegenüber testen wir noch den selbstgemachten Sanddornschnaps, spazieren zurück zum Camp und zelebrieren unser Mittagessen am Lagerfeuer.
Es ist kühl und wir freuen uns über ein paar wärmende Sonnenstrahlen und die zwischen den Berggipfeln wechselnden Wolkenbilder. Einer der beiden Camphunde besucht uns und ein Streifenhörnchen huscht hin und wieder vorbei.
Vor dem Abendbrot genießen wir einen Banjabesuch mit einem Freiluftbad im schicken Edelstahlzuber und beschließen den Abend wieder an der Bar.
Wir sind erstaunt, was hier alles etabliert wurde, müssen doch alle Baumaterialien, die Verpflegung, Generatoren, Diesel und Gas für die Küche über einen langen unwegsamen Parcours transportiert werden.


08.05.2026

Die Hütte wird stets am Abend so gut geheizt, dass man trotz offenen Fensters vor Hitze kaum schlafen kann. Entsprechend müde bin ich, als wir uns heute Morgen um 6 Uhr aus den Betten quälen, um Zeugen eines traditionellen Gedenkens zu werden. Etwa 20 Bergsteiger haben sich eingefunden, bestückt mit Fahnen und Fotos ihrer als Soldaten in irgendeinem sinnlosen Krieg gefallenen Verwandten, um diese zum Berg Uchitel zu hinaufzutragen. Ein wenig skurril wirkt der kleine Zug, als er sich in Bewegung setzt, aber doch ein schönes Gedenken an die Toten, die wahrscheinlich diese Gegend genauso geliebt haben, wie ihre Nachkommen.
Wir hingegen kehren um, frühstücken und machen einen Spaziergang unterhalb des Gletschers. Wir kraxeln einen steilen Schneehang hinauf, scheuchen einen Schneehasen mit einem riesigen weißen Puschelschwanz auf, folgen dem Geröll, wie es eben zum Liegen kam und finden einige schöne Kulissen für ein paar Filmaufnahmen für unsere spontan gegründete imaginäre Band namens „Aktru“. Wir haben jede Menge Spaß dabei, wie wir hintereinander zu Genesis´ „I Can´t Dance“ marschieren und die Wanderstöcke zu Luftgitarren werden lassen, während wir im Schnee stehen und knallbunte Sonnenbrillen tragen. Dieses Lied geht uns nun nie wieder aus dem Sinn.
Mit einem kleinen Umweg steigen wir wieder hinab und machen im Camp eine kleine Mittagspause.
Unterdessen bastelt einer der „Hausmeister“ ein Dresden-Schild für den im Bergsteigercamp stehenden Schilderbaum, das am Nachmittag seinen würdigen Platz findet. Damit Leipzig nicht leer ausgeht, schnitze ich eine kleines, aber feines Leipzig-Schild und platziere es frech über dem Moskau-Exemplar.
Wir kehren noch einmal im Café ein. Tschechisches Bier trinkt man hier offenbar auch sehr gern, denn das ist immer im Angebot. Die Barfrau spielt uns zum Abschied noch ein Ständchen auf der Maultrommel.


09.05.2026

Am Morgen hängen dicke Wolken im Tal und es regnet. Wir sind froh, unsere Touren gemacht zu haben und so fällt der Abschied nicht ganz so schwer. Die Sonne kommt nur kurz für ein paar letzte Fotos heraus und am Mittag steigen wir wieder zu Rasu in seinen Buchanka und die wilde Fahrt beginnt. Trotzdem doch einige Fahrzeuge die harte Route auf sich nehmen, scheint niemand ein Interesse daran zu haben, die Strecke halbwegs zu begradigen. Auch eine Brücke, die der Fluss beschädigt hat, wird wohl nicht repariert, solange es irgendwie noch auch durchs Wasser geht. Nach etwa 1,5 Stunden sind wir unten in der Steppe und können unsere durchgeschüttelten Knochen wieder sortieren. Rasu nutzt die Chance, endlich wieder auf´s Gas zu drücken, so dass die Landschaft mit den Ziegen, Schafen und Pferden nur so an uns vorbeifliegt. Nach dem Regen duftet es nach Honig oder wahlweise nach Abgas im Auto. Bald sind wir in Kurai, beziehen einen Bungalow mit Spitzboden und haben nach dem Mittagessen noch den ganzen Nachmittag Zeit, das Dorf zu erkunden. Im Dorfkern besuchen wir die drei Dorfläden, kaufen leckeren Altai-Balsam und Bier, obwohl der Verkauf wegen des Feiertages eigentlich verboten ist. Aus dem gleichen Grund funktioniert auch das Internet heute nicht. Der 9. Mai wird in Russland als „Tag des Sieges“ über das nationalsozialistische Deutschland gefeiert, hier legt man Kränze an den Denkmälern ab und schmückt die Soldatengräber, aber schon am Mittag zieht es die Schüler lieber zum Fußball oder auf den Spielplatz. Uns macht es schon nachdenklich, Fotos von jungen Soldaten zu sehen, die unsere Kinder sein könnten.
Hinter dem Dorf liegen vereinzelt die Friedhöfe. Auch die bereits aufgegebenen sind noch eingezäunt und jedes einzelne Grab hat ebenfalls noch einen Zaun. Die älteren Gräber bestanden noch aus hölzernen Gruften, während später meist nur noch ein Kreuz oder auch ein Stern aufgestellt wurden. Wir erregen offenbar die Aufmerksamkeit der Dorfjugend. Einige Jungs kommen eilig auf uns zugeritten. Ja, wird bei uns auf das Moped gesetzt, ist es hier das Pferd. Aber die Colaflasche und das Handy müssen natürlich auch hier sein.
Im Dorf machen wir noch so manches Foto von schönen alten Holzhäusern und Autos, die wohl seit mindestens 40 Jahren ihren Dienst tun. Eine Maschine weckt unser besonderes Interesse. Es ist ein kleines Kettenfahrzeug, das wahrscheinlich noch beim Schneeräumen eingesetzt wird. Deutlich betagt, aber gut geölt und sicher stets einsatzbereit.
Am Abend erleben wir noch ein besonderes Highlight. Zwei Musiker des Altai Kai Ensembles geben ein kleines Konzert. Etwa 30 Leute sitzen in der kleinen Holzhütte und lassen sich in die Welt der Altai-Musik entführen. Verschiedene Saiteninstrumente, Flöten, Maultrommel und natürlich der einzigartige Kehlkopfgesang begeistern das Publikum. Es ist unglaublich, aber die Bandbreite des Gesanges reicht tatsächlich von ganz tiefen Tönen bis zu Vogelgezwitscher.


10.05.2026

Heute fahren wir zunächst noch ein Stück in Richtung mongolischer Grenze. In Chagan-Uzumskoye biegen wir ab und passieren ein gut besuchtes Ausflugsörtchen mit Restaurants und kleinen Unterkünften. Spätestens am Fluss trennt sich die Spreu vom Weizen, denn ab hier geht es nur noch mit entsprechender Wattiefe und 4 x 4 – Antrieb weiter. In der kargen Landschaft blüht zumindest die Phantasie. Ein Gelände wurde „Luna“ getauft und sogleich von einem Kosmonauten nebst Mondfahrzeug in Beschlag genommen. Dieser steht nun hier mit einem weiten Blick auf das gigantische Vierländereck und da es sich um eine Figur handelt, steht er zugleich als Fotomotiv für jedermann gegen 150 Rubel Eintritt zur Verfügung. Kassiert wird ganz irdisch von einer alten Dame, die nebenbei noch von Andenkenverkauf und Näharbeiten lebt. Wer es mag, kann sich hier auch ein Kosmonautenkostüm für das persönliche Fotoshooting ausleihen.
Nicht weit vom „Mond“ findet sich auch der Mars, also der „Mars 2“ in Form von rotbunten Felsformationen, die aus der sonstigen Berglandschaft farbenfroh hervorstechen.
Unser heutiges Ziel liegt in der anderen Richtung im Örtchen Aktasch. Hier beziehen wir eine komfortable Jurte und das Internet läuft auch wieder zu aller Zufriedenheit.
Der Supermarkt hat auch am Sonntag geöffnet und wir kaufen gleich für die nächsten zwei Tage Lebensmittel ein. Die alkoholischen Getränke, die wir bereits im Einkaufskorb haben, müssen wir allerdings zurückstellen, da sonntags kein Alkohol verkauft werden darf. Das Verbot gilt sogar bis montags 11 Uhr. Danach kann sich wieder jedermann zulöten.
Zum Abendessen gibt es typisch einheimisches Essen – Graupensuppe, gedämpfte Teigtaschen, Brot, Kräutertee und Gerstentee mit Milch.


11.05.2026

Nach einem reichhaltigen leckeren Frühstück starten wir in die Berge. Eine der Pausen legen wir an einem echt urigen Ort ein. Der Campbetreiber hat seinen „Vorgarten“ mit alten Autos und Motorrädern bestückt, die er auf Baumstämme gehievt hat. Jedes von ihnen ein einzigartiges Fotomotiv.
Wir fahren weiter hinauf zum Ulagan-Pass, ein heiliger, spiritueller Platz für die Einheimischen. Überall hängen weiße Bänder in den Bäumen, die die Wünsche der Menschen in den Wind tragen sollen. Man muss das respektieren, aber grüne ungeschmückte Bäume würden für mich in dieser tollen Natur mehr Spiritualität erzeugen.
In Korzinga verlassen wir die Asphaltstraße, biegen rechts ab und folgen einer zunächst noch gut ausgebauten Piste hinauf zum Katu-Yaryk-Pass. Hier hätten wir eine atemberaubende Aussicht, würde nicht der Nebel immer weiter zunehmen und uns Wind und Regen einen Strich durch die Rechnung machen. Die geplante Mittagspause fällt aus und wir entschließen uns zur Weiterfahrt. Unser armer Fahrer muss dennoch aussteigen, denn bei UAZ muss man die Differenzialsperre noch mit dem Schraubenschlüssel aktivieren. Aber die Abfahrt in das Tschulyschman-Tal ist tatsächlich nicht ganz ungefährlich. Die Piste schlängelt sich in engen Serpentinen steil bergab und es regnet unaufhörlich. Da sind wir doch ein wenig erleichtert, dass wir im Tal unversehrt ankommen. Nun folgen wir dem Fluss, finden noch einen kleinen Unterschlupf für unser Picknick im Stehen und sind nach ein paar weiteren Kilometern an einem Hüttencamp, das an einer Flussbiegung liegt, angelangt. Wir beziehen kleine Holzhütten mit Öfen. Holz gibt es kostenlos, aber hacken und heizen müssen wir selbst. Gegen Abend grillen wir und sitzen später in unserer saunamäßig geheizten Hütte und leeren gemeinsam eine Flasche Wodka.


12.05.2026

Am Morgen sind zwar die dicksten Wolken verschwunden, aber die Bergspitzen sind neu weiß getüncht und ein eisiger Wind sorgt für eine gewisse Ungemütlichkeit. Das Feuer will sich nicht entfachen lassen und so ist es am Morgen ziemlich kühl in der Hütte. Im Speiseraum ist es nicht wärmer, und so schlingen wir das Frühstück herunter und starten unsere Tour. Dazu müssen wir mit einem Schlauchboot über den Fluss, der ein wenig Hochwasser führt und eine ordentliche Fließgeschwindigkeit drauf hat. Zum Glück hat der Kahn einen ordentlichen Motor. Auf der anderen Seite folgen wir einem Bachlauf und steigen hinauf zu den Kamennyye Griby, den Steinpilzen. Die durch Erosion entstandenen Säulen sind nur über einen steilen engen Pfad zu erreichen, aber was tut man nicht alles für schöne Fotos und einen tollen Ausblick. Über die Wiesen zieht eine große Ziegenherde ins Tal und zwei Adler nutzen die Thermik für ihre Flugkünste.
Unterhalb lassen wir uns einen Imbiss schmecken, steigen ab und lassen uns wieder mit dem Boot übersetzen. Eine andere Möglichkeit, über den Fluss zu kommen, gibt es nicht. Sicher ein lukratives Geschäft.
Da es noch früh am Nachmittag ist, gönnen wir uns nur eine Pause und steigen noch einmal ein Stück auf unserer Flussseite aufwärts. Ein großer Felsbrocken dient als schamanische Stätte. Einige finden hier spirituelle Erfüllung, indem sie den Stein umarmen. Die Menschen hier sind generell sehr naturverbunden. Eine eher unscheinbare Gruppe, die nicht gerade nach Umweltaktivisten aussehen, rollt ein Transparent aus und macht Fotos, um gegen Massentourismus und Infrastrukturausbau im Tschulyschman-Tal zu protestieren. In den letzten Jahren wurden viele neue Feriendörfer gebaut und sicher sind die Investoren gewillt, die staubige Piste mit Asphalt zu belegen, um noch mehr Touristen anzulocken.


13.05.2026

Am Morgen schneit es. Wir frühstücken im Speiseraum und pünktlich um 10 Uhr steht unser Fahrzeug, wieder ein knuffiger Buchanka, bereit. Wir fahren weiter durch das Tschulyschman-Tal, das mit Birkenwäldchen und durch den Fluss abgetrennte Inseln geprägt ist, bis zum Südufer des Telezkojer Sees. Dort bekommen wir zu unserem Mittagspicknick noch leckere frische, noch warme Blini, bevor wir in ein Boot steigen, das uns mit rasanten 40 km/h zu unserem nächsten Ziel bringt. Der Telezkojer See zählt zu den tiefsten Seen der Erde. Man könnte maximal 325 Meter hinabtauchen.
An den steilen Ufern erblicken wir zahlreiche Wasserfälle, während die Schneeflocken nun fast waagerecht an uns vorbeischießen. Als wir das Ufer wieder erkennen können, entdeckt unser Skipper einen Bären am Ufer, der sich jedoch hinter einem Baum versteckt und schnell im Wald verschwindet. Nun ist mein Auge wach für mögliche Wildentdeckungen und tatsächlich sitzt ein Stück weiter Meister Petz auf einer Wiese und beobachtet uns von oben herab.
Um den Korbu-Wasserfall zu besuchen, legen wir an, denn dieser verbirgt sich in einer Schlucht und ist vom See aus nicht zu sehen. Auch muss man zunächst an einigen Souvenir- und Essensständen vorbei, um das Wasser des Großen Korbu 12 Meter fallen zu sehen. Nach etwa zwei Stunden Fahrt haben wir 78 Kilometer zurückgelegt und legen in Artybash am Nordufer des Sees an. Mit einem Taxi geht’s hinauf zum Hotel. Unsere mit Balkon ausgestatteten Zimmer bieten einen weiten Ausblick auf den See und die umliegenden Berge. Wir sind die einzigen Gäste und haben einen großen Aufenthaltsraum nur für uns. Bekocht werden wir hier allerdings nicht. Für die Versorgung mit Getränken müssen wir etwa 4 Kilometer weit laufen und das Ganze natürlich auch wieder zurück. Zum Abendessen gibt es nähere Optionen. Leider hat das nahe gelegene Baba-Yaga-Stübchen geschlossen, obwohl das WLAN angeschaltet ist, was wir sogleich kurz ausnutzen. In der anderen Richtung landen wir schließlich in einem schicken Café-Restaurant. Es ist nicht gerade Saison, weshalb der Wirt nun extra für uns den Herd anwirft und wir in der Zwischenzeit seinen Internetzugang ausgiebig nutzen. Das Essen ist hervorragend und wir bestellen gleich für morgen Frühstück.


14.05.2026

Der Chef des „Cafe na Kedrovoy“ serviert uns am Morgen Omeletts und leckeren Honigkuchen. Danach besteigen wir zum Aufwärmen den Hausberg hinter unserer Unterkunft, sitzen oben etwa 220 Meter über dem See und genießen die Aussicht auf das Wasser, die weiß bepuderten Berge und die beiden sich gegenüberliegenden Dörfer Artybash und Iogach. Den Abstieg nehmen wir über einen Forstweg, die Straße hinunter bis zum See und nun wandern wir weiter nach Osten. Über einen Wiesenweg mit einer baufälligen Brücke gelangen wir zum Strandbad, wo sich um diese Jahreszeit noch niemand ins Wasser traut. Als wir wieder auf der Straße sind, gesellen sich zwei Hunde zu uns, um uns ahnungslosen Menschen den kleinen Ökopfad über Wurzeln und Steine zum Wasserfall am Tret´ya Rechka“ zu weisen. Sie benehmen sich jedenfalls wie zwei Guides, jedoch ohne für ihre Dienste die Pfote aufzuhalten.
Am Nachmittag sind wir zurück, trinken Kaffee und freuen uns auf das bestellte Abendessen im mittlerweile lieb gewonnenen Cafe. Der Chef geht hier voll seiner Leidenschaft nach und da Nebensaison ist, nimmt er sich die Zeit, uns alle möglichen Erklärungen zu geben und auf unsere Wünsche einzugehen, bevor er in der Küche verschwindet. Währenddessen werden wir von einem Großbildschirm mit einem Konzert Sarah Connors in Dresden bestrahlt. Ob er das extra für uns ausgesucht hat? Das Essen ist jedenfalls köstlich und die Wartezeit wert. Ein Salat aus roten Beeten, Kartoffeln, Zwiebeln, Gurken, Möhren, Weißkraut und Dill mit einem sehr leckeren aromatischen Öl, dazu ein ordentliches Stück Lachs mit Kartoffelpüree.
Später sitzen wir in unserem großen Aufenthaltsraum und spülen mit Bier und Wodka nach.


15.05.2026

Wieder frühstücken wir im Café, das sich nur wenige hundert Meter auf unserem Weg befindet. Fast können wir uns gar nicht aufraffen weiterzugehen, denn statt Musikvideos läuft heute eine Dokumentation über die Republik Altai mit eindrucksvollen Bildern.
Wir steigen ab zum See, laufen die Straße entlang und überqueren die Brücke ins Dorf Iogach. Es gibt ein paar Läden, Schule, Sportplatz und Kindergarten. Viel mehr hat der Ort nicht zu bieten. Da wir noch ein wenig wandern wollen, verlassen wir den Ort auf einer Schotterpiste, die zu einem Skigebiet führt, legen am Ortsrand am Bach eine kleine Picknickpause ein und gelangen nach etwa 2 bis 3 Kilometern an einen Holzturm, der wohl so eine Art Freiluftkapelle werden soll. Hier drehen wir um, denn der Weg ist zum Wandern eine Katastrophe. Vom Quad über PKW bis hin zu großen LKW´s wirbelt jedes Fahrzeug ordentlich Staub auf und leider gibt es keinen alternativen Wanderpfad abseits dieser Piste.
Unten in Artybash kaufen wir noch ein paar Souvenirs, Getränke, Brot und Räucherfisch, der am Abend noch einmal auf den Grill kommt.


16.05.2026

Das Frühstück samt deutschen Musikvideos ist bereits Routine. Heute müssen wir jedoch Abschied nehmen. Pünktlich um 9 Uhr steht das Auto vor der Tür, gerade konnten wir noch einen letzten Blick vom Balkon auf den See werfen. Die Fahrt ist lang und führt zunächst immer am Fluss Bija entlang. Können wir noch die Landschaft genießen, muss sich der Fahrer voll konzentrieren, denn der Frost hat der Straße übel mitgespielt. Im laufenden Betrieb wird sie nun erneuert und die Autos müssen durch die Baustellen. Eine Umleitungsmöglichkeit gäbe es auch weit und breit nicht.
In Gorno Altaisk kommen wir endlich dazu Geld zu tauschen, also am letzten Urlaubstag. So können wir die Auslagen begleichen und natürlich auch noch unser letztes Hotel in Nowosibirsk bezahlen.
Wir sind wieder auf der Hauptroute, auf der unsere Tour vor zwei Wochen begann. Unser Fahrer gibt nun Gas. Das Auto ist wie viele der hier fahrenden Gebrauchtwagen ein Rechtslenker-Import aus China, vielleicht aus Hongkong, wo noch immer Linksverkehr gilt. Die Unzulänglichkeiten, besonders bei fehlender Sicht im Gegenverkehr, werden mit speziellen Spiegeln oder Kameras ausgeglichen. Aber entweder funktionieren diese nicht richtig oder gaukeln falsche Entfernungen des Gegners wieder, denn trotz Gegenverkehr wird ruppig rausgezogen und wild überholt. So schaffen wir es, trotz Geschwindigkeitskontrollen, an denen natürlich alle brav abbremsen, und zweier Pausen gegen halb sieben am Abend in Nowosibirsk zu sein. War heute morgen noch bester Sonnenschein, empfängt uns die Stadt mit Regen und offenbar schafft die Kanalisation es nicht, diesen unter die Erde zu geleiten, so dass sich schnell tiefe Pfützen bilden. Ohnehin hat auch der Ob, der durch Nowosibirsk fließt, wie die meisten Flüsse gerade Hochwasser.
Unser Zimmer im 13. Stock des Maritim Hotels bietet weite Aussicht auf die Stadt, den Ob und dem gegenüberliegenden Bahnhof.
Zum Abschluss gehen wir ins georgische Restaurant gemeinsam mit unserer lieben Reiseleiterin essen. Das Etablissement ist modern, aber gemütlich eingerichtet, das Essen ist absolut lecker und trotz gehobener Preise sehr beliebt. Allzulang können wir den Abend leider nicht ausdehnen, denn morgen früh starten wir um 6 Uhr.


17.05.2026

Wir bedanken uns bei Katja mit einem kleinen Geschenk und steigen gemeinsam in ein Taxi zum Flughafen. Am Parkplatz fällt mir auf, dass sogar das Ticketziehen an der Schranke auch für Rechtslenker möglich ist. Da hat man wirklich mitgedacht und offenbar ist die Zulassung solcher Autos gar kein Problem hier.
Nun trennen sich unsere Wege. Unsere Abenteuer-Managerin nimmt den Bus in ihre Heimatstadt Tomsk und wird im Gegensatz zu uns bereits in 4 Stunden zu Hause sein und bald wieder den Rucksack für die nächste Tour packen.
Unsere Reise ist heute noch lang, aber dank Zeitverschiebung werden wir noch am heutigen Sonntag in Deutschland sein.